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Ich erinnere mich noch gut an einen Mittag, an dem mein Sohn wieder einmal nur Reis mit Sojasoße essen wollte. Vor ihm stand ein Teller mit frischem Gemüse, das ich mit viel Liebe zubereitet hatte. Ich wusste genau, dass ich keinen Druck machen wollte, also lächelte ich, sagte nichts - und kämpfte innerlich mit meinen Erwartungen. Wie konnte ich so viel über gesunde Kinderernährung wissen und mich trotzdem fühlen, als würde ich gerade versagen?
Als ich Mama wurde, hatte ich klare Vorstellungen davon, wie ich bestimmte Dinge machen wollte - gerade beim Thema Ernährung. Ich wollte meinem Sohn möglichst nährstoffreiche, abwechslungsreiche Mahlzeiten anbieten und ihm damit den bestmöglichen Start ins Leben ermöglichen. Ich hatte Bücher gelesen, Podcasts gehört, mich intensiv mit kindlicher Ernährung beschäftigt. Ich wusste, dass Druck beim Essen nicht hilft, dass Essen Freude bereiten sollte, dass Kinder neue Lebensmittel oft viele Male sehen müssen, bevor sie bereit sind, sie zu probieren. Ich fühlte mich gut vorbereitet.
Doch dann kam die Realität.
Die Realität sah ganz anders aus
Mein Sohn zeigte schon mit etwa fünf Monaten großes Interesse an unserem Essen, und ich freute mich riesig. Doch nachdem die ersten Lebensmittel ausprobiert waren, wollte er vor allem eines: Mama-Milch.
Ich habe ihn insgesamt zwei Jahre gestillt. Dass das möglich war, war für mich ein großes Geschenk. Ich wusste, dass er dadurch eine gute Grundlage bekam und dass ihn die Muttermilch weiterhin mit wichtigen Nährstoffen versorgte - gerade in den Phasen, in denen er kaum feste Nahrung essen wollte, gab mir das Sicherheit.
Gleichzeitig wusste ich, dass irgendwann feste Nahrung wichtiger werden würde. Nicht, weil ich möglichst schnell abstillen wollte, sondern weil Essen so viel mehr ist als Nährstoffversorgung: Geschmäcker kennenlernen, unterschiedliche Konsistenzen entdecken, gemeinsam am Familientisch sitzen, Genuss erleben - und nach und nach eine natürliche Beziehung zu Lebensmitteln aufbauen.
Warum wir Baby Led Weaning gewählt haben
Deshalb entschieden wir uns von Anfang an für Baby Led Weaning. Mir gefiel der Gedanke, dass mein Sohn Lebensmittel selbst entdecken durfte - dass er sie anfassen, zerdrücken, ablecken und in seinem eigenen Tempo kennenlernen konnte. Rückblickend würde ich diesen Weg jederzeit wieder wählen und kann ihn von Herzen empfehlen. Am meisten Sicherheit hat mir dabei das Buch Baby-led Weaning - Das Grundlagenbuch von Gill Rapley und Tracey Murkett gegeben (bei Amazon ansehen) - die beiden haben die Methode ursprünglich entwickelt, und ihr Buch hat mir die Angst genommen, etwas falsch zu machen.
Ich hatte allerdings auch die Hoffnung, dass dieser entspannte Einstieg ganz automatisch dazu führen würde, dass mein Sohn irgendwann mit Begeisterung essen würde.
So war es nicht.
Er spielte mit dem Essen, untersuchte jedes Lebensmittel ganz genau und führte vieles neugierig zum Mund - doch fast alles spuckte er kurze Zeit später wieder aus. Monatelang.
Ich wusste eigentlich, was wichtig ist
Dabei wusste ich eigentlich, was wichtig ist: dass ich keinen Druck ausüben sollte, dass Essen Spaß machen sollte, dass Kinder manche Lebensmittel zehn-, zwanzig- oder noch öfter sehen müssen, bevor sie bereit sind, sie zu probieren. Ich wusste das alles - und trotzdem wurde es mit jedem Monat schwerer, darauf zu vertrauen.
Angst, dass mein Sohn verhungern würde, hatte ich nie - ich wusste, dass gesunde Kinder sich die Menge holen, die ihr Körper braucht. Was mich beschäftigte, war etwas anderes: Mir war bewusst, wie wichtig gerade in den ersten Lebensjahren eine vielfältige, nährstoffreiche Ernährung für Darmflora, Immunsystem und langfristige Gesundheit sein kann. Ich wollte meinem Sohn einfach den bestmöglichen Start ins Leben ermöglichen - und genau dieser Wunsch setzte mich immer mehr unter Druck.
Natürlich hatte ich mir vorgestellt, jeden Tag ausgewogene Mahlzeiten auf den Tisch zu bringen. In Wirklichkeit gab es aber auch Tage, an denen mein Sohn am Ende nichts anderes essen wollte als Reis mit Sojasoße. Jedes Mal hatte ich das Gefühl, versagt zu haben - nicht, weil diese eine Mahlzeit entscheidend gewesen wäre, sondern weil ich ihm eigentlich etwas ganz anderes ermöglichen wollte.
Ich habe wirklich alles versucht
Ich ließ ihn mit dem Essen spielen, matschen, eine riesige Sauerei veranstalten - ich wusste ja, dass Kinder Lebensmittel mit allen Sinnen entdecken. Dafür hatten wir extra eine Schutzmatte für den Boden gekauft - eigentlich für Bürostühle gedacht, aber ideal für Baby Led Weaning, und das Aufräumen danach war für uns beide deutlich entspannter. Doch selbst das schien nichts zu verändern: Er nahm vieles neugierig in den Mund, kaute darauf herum und spuckte es wieder aus.
Mein Partner und ich lebten ihm Essen mit Freude vor - wir nahmen uns Zeit für unsere Mahlzeiten, aßen meistens gemeinsam und genossen unser Essen, genau so, wie es überall empfohlen wird, und wir taten es auch gern. Trotzdem schien ihn das kaum zu interessieren. Nicht einmal typische Kinderklassiker wie Kartoffelbrei oder kleine Fleischbällchen konnten ihn begeistern. Manchmal probierte er etwas, und ich freute mich innerlich riesig - nur um am nächsten Tag festzustellen, dass er davon plötzlich nichts mehr wissen wollte. Immer wieder hatte ich das Gefühl, ganz am Anfang zu stehen.
Ich dachte, nach dem Abstillen würde alles einfacher werden
Irgendwann klammerte ich mich an einen Gedanken: Wenn ich abgestillt habe, wird er bestimmt endlich richtig essen. Ich war überzeugt, dass die Muttermilch ihn einfach noch zu satt machte.
Als das Abstillen schließlich vorbei war, wartete ich voller Hoffnung auf die große Veränderung. Doch sie blieb aus - auch danach aß mein Sohn zunächst kaum mehr als vorher. Ich erinnere mich noch gut an die Enttäuschung und daran, wie ich mich erneut fragte, ob ich etwas falsch gemacht hatte.
Heute weiß ich: Sein Essverhalten lag nie am Stillen. Er brauchte einfach mehr Zeit.
Der Wendepunkt
Irgendwann wurde mir klar: Nicht mein Sohn war das Problem, sondern meine Erwartung, dass es längst anders aussehen müsste.
Ich begann, wieder mehr auf das zu vertrauen, was ich eigentlich schon wusste. Ich stellte weiterhin abwechslungsreiches Essen auf den Tisch und bot ihm Lebensmittel wieder und wieder an - ohne Überreden, ohne Bestechen, ohne Tricks, ohne die Hoffnung auf den einen entscheidenden Bissen.
Langsam veränderte sich etwas. Nicht innerhalb weniger Tage, nicht einmal innerhalb weniger Wochen - sondern über viele Monate.
Heute isst mein Sohn Gemüse, probiert neue Lebensmittel - und manchmal greift er sogar freiwillig zu Dingen, bei denen ich früher nicht einmal gehofft hätte, dass er sie anfasst.
Was ich in dieser Zeit über meinen Sohn gelernt habe, war am Ende aber gar nicht das Wichtigste. Viel mehr hat sich etwas in mir selbst verändert - davon erzähle ich im zweiten Teil.