Manchmal frage ich mich, wann ich aufgehört habe, mich selbst überhaupt wahrzunehmen.
Es kam nicht auf einmal.
Es war kein bestimmter Tag.
Eher ein leiser und schleichender Prozess.
Es begann mit den kleinen Dingen.
Ich trank meinen Kaffee kalt, weil mein Sohn mich brauchte.
Ich verschob meine Pause auf später.
Ich beantwortete noch schnell eine Nachricht, räumte die Küche auf und dachte währenddessen schon an das Abendessen.
Tag für Tag richtete sich meine Aufmerksamkeit nach außen.
Was braucht mein Sohn?
Was muss noch erledigt werden?
Wer wartet noch auf eine Antwort?
Irgendwann fiel mir etwas auf.
Ich wusste auf all diese Fragen eine Antwort.
Nur auf eine nicht.
Wie geht es mir eigentlich gerade?
Vielleicht kennst Du dieses Gefühl.
Du funktionierst.
Du kümmerst Dich.
Du organisierst.
Du liebst Dein Kind von ganzem Herzen.
Nicht, weil Du etwas falsch gemacht hast.
Warum viele Mamas das Gefühl haben, sich selbst verloren zu haben
Vielleicht hast Du Dich gar nicht verloren.
Vielleicht warst Du einfach nur sehr lange mit anderen beschäftigt.
Diesen Gedanken finde ich tröstlich.
Denn "verloren" klingt endgültig.
Dabei bist Du noch da.
Unter all den Aufgaben.
Unter den To-do-Listen.
Unter den Bedürfnissen aller anderen.
Du bist nicht verschwunden.
Du bist nur sehr leise geworden.
Manchmal fühlt es sich an, als würde den ganzen Tag das Radio auf der Frequenz aller anderen laufen.
Die Wünsche Deines Kindes.
Die Gedanken Deines Partners.
Die Aufgaben des Alltags.
Nur die eigene Stimme ist irgendwann kaum noch zu hören.
Nicht weil sie verschwunden ist.
Sondern weil sie lange übertönt wurde.
Warum sich Deine Aufmerksamkeit so leicht nach außen richtet
Ich bin mit Botschaften aufgewachsen wie:
"Sei hilfsbereit."
"Sei freundlich."
"Denk zuerst an andere."
Das sind keine schlechten Werte.
Sie machen Beziehungen warm und menschlich.
Schwierig wird es erst dann, wenn Du dabei verlernst, auch nach innen zu schauen.
Wenn Du immer besser darin wirst zu erkennen, was andere brauchen – und gleichzeitig immer schlechter darin, wahrzunehmen, was in Dir selbst gerade vorgeht.
Mit einem Kind wird dieses Muster oft besonders sichtbar.
Denn plötzlich gibt es einen kleinen Menschen, dessen Bedürfnisse oft sofort beantwortet werden müssen.
Ganz selbstverständlich rückt das Eigene noch weiter in den Hintergrund.
(Was das mit Deinen eigenen Bedürfnissen macht, kannst Du Dir in einem eigenen Artikel anschauen.)
Es beginnt im Kleinen
Viele Mamas glauben, sie hätten den Kontakt zu sich selbst verloren, weil sie keine Zeit mehr für sich haben.
Ich glaube, oft beginnt es schon viel früher.
Nicht weil Du es nicht mehr zum Yoga schaffst.
Oder Deiner Freundin einmal zu oft absagst.
Sondern in den winzigen Momenten des Alltags.
Wenn Du Hunger hast, aber erst noch schnell aufräumst.
Wenn Du müde bist, aber trotzdem weitermachst.
Wenn Du traurig bist, Dir aber sagst, dass es keinen Grund dafür gibt.
Wenn Du eigentlich Ruhe brauchst und stattdessen weiter funktionierst.
Nicht einmal.
Sondern immer wieder.
Mit jeder dieser kleinen Entscheidungen wird die Verbindung zu Dir selbst ein bisschen leiser.
Nicht, weil Du etwas falsch machst.
Sondern weil der Alltag laut ist.
Dein Körper zeigt Dir oft früher, dass es zu viel wird
Vielleicht hast Du schon erlebt, dass Du plötzlich gereizt warst.
Oder dass Dich eine Kleinigkeit zum Weinen gebracht hat.
Vielleicht dachtest Du:
"Warum reagiere ich denn jetzt so?"
Oft ist das nicht der Anfang.
Sondern das Ende einer langen Reihe überhörter Signale.
Dein Körper spricht meistens viel früher mit Dir als Dein Kopf.
Nur hörst Du diese leisen Signale oft erst, wenn sie laut werden.
(Welche das sein können, habe ich in einem eigenen Artikel gesammelt.)
Dabei möchte Dein Körper Dich nicht ausbremsen.
Er möchte Dich schützen.
Vielleicht bemerkst Du gerade beim Lesen, dass Deine Schultern angespannt sind.
Oder dass Du schon seit Stunden nichts getrunken hast.
Vielleicht atmest Du jetzt einmal ganz bewusst tief ein.
Nicht, weil das etwas verändern muss.
Sondern einfach, weil Du Dich in diesem Moment bemerkst.
Du musst Dich nicht erst verändern
Vielleicht liest Du diesen Artikel und denkst:
"Ich sollte wirklich besser auf mich achten."
Doch genau darum soll es heute gar nicht gehen.
Nicht um ein neues Ziel.
Nicht um noch eine Aufgabe.
Nicht darum, jetzt alles anders zu machen.
Sondern nur um eines:
Wieder neugierig auf Dich selbst zu werden.
Vielleicht fragst Du Dich heute nur ein einziges Mal:
Wie geht es mir gerade?
Ohne die Antwort sofort verändern zu müssen.
Ohne etwas leisten zu müssen.
Einfach nur da zu sein und wahrzunehmen.
Denn genau dort beginnt Bewusstheit.
Zurück zu Dir beginnt mit Aufmerksamkeit
Es gibt einen Satz, der mich immer wieder begleitet:
Wir können nur gut für etwas sorgen, wenn wir es erkennen.
Das gilt für unsere Kinder.
Und genauso für uns selbst.
Vielleicht musst Du heute noch gar nicht lernen, besser für Dich einzustehen.
Vielleicht reicht für den Anfang etwas viel Kleineres.
Dich selbst wieder zu bemerken.
Denn bevor Du Dich fragen kannst:
"Was brauche ich?"
darf erst eine andere Frage entstehen:
"Kann ich mich überhaupt noch wahrnehmen?"
Es beginnt genau dort, wo Du gerade stehst
Vielleicht fällt es Dir heute schwer, Deine Bedürfnisse zu benennen.
Vielleicht bemerkst Du erst am Abend, wie erschöpft Du eigentlich bist.
Vielleicht fühlst Du Dich manchmal weit entfernt von der Frau, die Du einmal warst.
Das bedeutet nicht, dass Du Dich verloren hast.
Es bedeutet nur, dass Du lange sehr gut für andere gesorgt hast.
Und jetzt darfst Du beginnen, Deine Aufmerksamkeit wieder ein kleines Stück zu Dir zurückzulenken.
Nicht mit Druck.
Nicht mit Perfektion.
Nicht mit einem neuen Plan.
Sondern mit einem liebevollen Blick nach innen.
Wahrscheinlich wirst Du morgen nicht plötzlich mehr Zeit haben.
Vermutlich wird Dein Alltag genauso voll sein wie heute.
Aber vielleicht bemerkst Du morgen einen einzigen Moment, in dem Du Dich fragst:
Wie geht es mir eigentlich gerade?
Und vielleicht ist genau das der erste Schritt zurück zu Dir.
Denn Veränderung beginnt nicht erst dann, wenn Du etwas anders machst.
Sie beginnt in dem Moment, in dem Du Dich Dir selbst bewusst zuwendest.
Und vielleicht beginnt genau das heute.
Genau dort, wo Du gerade stehst.